Mallorca Trainingslager 2026 – aus der Sicht eines Rookies (Woche 2)

Nachdem alle Teilnehmer*innen nach und nach eingetrudelt sind, gibt es eine kleine Einführung ins Camp-Leben: Vorstellung des Trainingsplans, Einteilung der Radgruppen(von Cappuccino bis Cuba Libre), Infrastruktur, und – natürlich am wichtigsten – wann und wo gibt es Essen.

Der erste Trainingstag startet mit einer kleinen Fahrtechnik-Übung, im Anschluss wird in den jeweiligen Radgruppen locker lospedaliert.

Während die Landschaft so an einem vorbeifliegt, wird der Alltag ganz schnell hinter sich gelassen und die tiefgründigen Fragen des Lebens drängen sich auf: darf man in der Cappuccino-Gruppe eigentlich auch Espresso trinken? Welcher Körperteil schläft mir wohl als nächstes ein? Und hält meine Blase bis zur nächsten Kaffeepause?

Immer wieder ziehen auch andere Radfahrgruppen an einem vorbei – man nickt sich lässig zu, und nimmt aus den Augenwinkeln noch heimlich einen schnellen Outfitcheck vor: Straede, Ryzon, Rapha, …? Oder doch der Retro-Klassiker von der Radrundfahrt Uckermark-Angermünde aus 1982? 

Spätestens bei der obligatorischen Kaffee-, Kuchen- oder Bocadillo-Pause fällt die Anspannung ab und man gerät fast in eine urlaubsmäßige Entschleunigung. Inmitten von quirligen mallorquinischen Dorfcafes wird über das Pro und Contra von Gesäßcreme gefachsimpelt und ansprechende Fotos für den späteren Strava-Content geschossen.

Wieder zurück im Camp warten wahlweise der Pool, Mobility, Abendessen und das Kaltgetränk mit den anderen Teilnehmer*innen an der Bar – und eh man sich versieht liegt man auch schon wieder im Bett, mit einem angehnehmen Nachbrennen in den Muskeln, und – dank zarter Frühlingssonne – auch auf der Haut.

Tag 2-4 fliegen in ähnlichem Rhythmus vorbei, und mit jedem Tag schmieren sich die Routinen immer mehr ein. Neben den bekannten Disziplinen kristallisiert sich das Carbo-Loadingam Büffet zu einer essentiellen vierten Disziplin heraus. Da wird das Essen nicht mehr nach kulinarischen Highlights genossen, sondern strategisch nach Mehrwert für den Glykogenspeicher gescannt, nach langkettigen und kurzkettigen Kohlenhydraten, Verträglichkeit für den Magen-Darm-Trakt und die Speicher entsprechend gefüllt.

An Tag 5 darf sich der geschundene Körper von denbisherigen Strapazen erholen und der Kopf sich schon mal mental auf die bevorstehende Königstour – den Küstenklassiker – einstellen. Der wartet dann an Tag 6 auf sich: morgens beim Frühstück werden noch die letzten freien Stellen auf den Hüften bepackt, das Trikot mit Bananen, Riegeln, Gels, und Sonnencreme bis zum Anschlag befüllt und mit letzten Motivationssongs bringt der Bus die aufgeregte Reisegruppe zum Ausgangspunkt.

Das lockere Pedalieren geht schon nach den ersten Metern in einen kräftezehrenden Anstieg über. Nach und nach werden Serpentine um Serpentine abgearbeitet wie eine lästige Matheaufgabe – wäre da nicht der sensationelle Ausblick auf das blitzeblaue Meer und die schön geschwungene Küstenlinie. Spätestens zur Mittagszeit wird auch das äußerer Erscheinungsbild zur Nebensächlichkeit – da hat sich eine dicke Panade aus Sonnencreme, Schweiss und klebrigem Gel auf der Haut verteilt, nebst dem wohlgewählten Gruppentattooaus Kettenschmiere auf der rechten Wade. 

Ab km 75 und Steigung 8 von 10 wird der Küstenklassiker dann doch hier und da zur Grenzerfahrung für alle Beteiligten: es wird ge- und verflucht, das letzte Gel arbeitet sich seinen Weg vom Magen wieder die Speiseröhre zurück nach oben, der Coach wird zum Motivator, DJ und Feeder gleichzeitig.Alles was man oben an Flüssigkeit reinschüttet schießt direkt wieder in Fontänen aus jeder Pore des Körpers raus, und auchder Kuchen beim letzten Stopp wird nur noch wie bei einer Stopfgans kurz vor St. Martin unter Widerwillenreingezwängt.

Aber die Taktik geht auf und mit letzten Körnern und musikalischer Untermalung bringt der Coach seine Schäfchen ins Trockene – bzw unter die Sektdusche und zum gemeinsamen Sprung in den Pool.

Beim wohlverdienten abendlichen Kaltgetränk wird nochmal die Renntaktik nachanalysiert, und unterm Strich bleibt das Ergebnis: alle Beteiligten sind verletzungs- und unfallfrei im Ziel angekommen und sind glücklich, stolz, beseelt und um einen tollen Tag reicher.

Wer sich auf einen erholsamen Erschöpfungsschlaf gefreut hatwird allerdings getäuscht: da tanzen nachts noch die letzten Zuckermoleküle Tango in der Blutbahn, das ein oder andere Bremsmanöver wird im Halbschlaf nachgeholt, der Bettnachbarn mit einem panischen „Schlagloch!“ aus dem Schlaf gerissen und der Col de Drölftausend sucht einen nochmal in den Alpträumen auf.

Gut, dass am letzten Trainingstag nur noch gemeinsames lockeres Ausrollen auf dem Programm stehen. Hier zeigt sich das Ergebnis des 6-tägigen Intensivkurses „Kleine Verkehrsschule Mallorca“ : Landes- und Verkehrsstraßenwerden sicher in der Gruppe bewältigt, das Vorderrad verschmilzt mit dem Hinterrad des Vordermannes, das Überqueren von Bremswellen wird auch bei hohem Tempo sicher auf zwei Rädern gestanden, Slalomfahren um Schlaglöcher mit hoher Eleganz umgesetzt, die Performance im Kreisverkehr gleicht dem Anmut eines iberischen Folkloretanzes, die Zeichensprache perfektioniert sich von einem anfänglich panischen Wedeln hin zu einer fein abgestimmten Gruppenchoreografie, die jedes Synchronschwimmteam erblassen lassen würde, und mit dem belgischen Kreisel werden am Ende sogar die Autofahrer schwindlig getanzt. Zum Glück wird die Königsübung – der dreifache Salto Mortale in den Straßengraben – nicht benötigt.

Am Ende der Trainingslagerwoche bleibt neben Sonnenbrand und schweren Beinen ein durchweg positives Fazit, das vor allem dem großartigen Engagement der Coaches und der gut ausgeklügelten Organisation geschuldet ist – ein großes Dankeschön dafür! Nächstes Jahr ist schon gebucht!

Text: Meike Renner

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert